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Montag 19 November 2023

Vitrinengeschichte 8 - Augenzeugen des Sklavenhandels

Middelburg, 1. Oktober 1761. Kapitän Jan Menkeveld lichtet die Anker der "De Eenigheid", eines Schiffes der Middelburg Commercial Company (MCC). Die 36 Besatzungsmitglieder brechen bald zu ihrer Dreiecksreise auf: von der Nordsee über die westafrikanische Küste zu den Kolonien in der Karibik und den Amerikas (Westindien).

Als der Wind aus dem Osten sie endlich von der Oosterschelde zur Nordsee trägt, bricht Jubel aus. Auf nach Afrika, wo Handelsgüter - darunter Textilien, Gewehre, Schießpulver, Getränke und Messer - gegen Elfenbein, Gold und versklavte Afrikaner getauscht werden. Der Kapitän versucht, so früh wie möglich Handel zu treiben. Denn je südlicher die Handelsplätze, desto teurer werden die Menschen.

Letztendlich steuert das Schiff mit 319 Afrikanern und 33 Besatzungsmitgliedern nach Westen. Hier werden 299 versklavte Personen verkauft, um auf einer der vielen Plantagen zu arbeiten, wie in Suriname, Berbice und Essequibo. Beladen mit Waren aus Afrika und den Kolonien, verlässt die De Eenigheid am 19. Dezember 1762 den Hafen. Zurück nach Middelburg...

 

Augenzeugen

Von dieser und 113 weiteren Dreiecksreisen zwischen 1720 und 1889 sind nahezu alle Dokumente im MCC-Archiv erhalten geblieben. Von den Einkaufsquittungen für die Waren vor der Abreise bis zu den Logbüchern des Kapitäns, der Schiffsärzte und des Obermaats. Mit anderen Worten: Augenzeugen des Sklavenhandels. "Die Offiziere verfassten sehr detaillierte Berichte über alles, was während der Reise geschah", sagt Anneke van Waarden-Koets, Archivarin im Zeeuws Archiv, das die MCC-Dokumente verwaltet.

"Die Reisen übersteigen die Vorstellungskraft jedes Einzelnen, aber so haben wir eine Vorstellung davon, wie der Sklavenhandel ablief. Insgesamt hat die MCC 31.000 Menschen verschifft, von denen etwa viertausend die Reise nicht überlebt haben..."

 

 

"Die Reisen übersteigen die Vorstellungskraft jedes Einzelnen, aber so haben wir eine Vorstellung davon"

 

 

 

Aufstände

Anneke erklärt, dass das Archiv auch Berichte über Aufstände der versklavten Personen enthält. Diese Berichte zeigen, dass sie nicht alles widerstandslos geschehen ließen. "Nachkommen fragen manchmal, ob diese Menschen nicht rebellierten", sagt die Archivarin. "Wir können ihnen dann erzählen, dass auf verschiedenen MCC-Schiffen Aufstände stattfanden, wie auf dem Schiff Vigilantie."

 

"Auf diesem Schiff kam es zu einem Aufstand der Gefangenen an der Küste von Afrika und zweimal während der Überfahrt", fährt Anneke fort. "Aber sie wurden niedergeschlagen. An der Marowijne im Suriname lief die Vigilantie auf eine Sandbank. Dort gelang es den Afrikanern, das Schiff zu übernehmen. Die Besatzung floh an Land und nahm achtzehn versklavte Personen mit. Leider trieb das Schiff ab und wurde später gefunden. Die überlebenden Afrikaner wurden dennoch verkauft."

 

Auftrag: Zeigen an ein breites Publikum

 

Das MCC-Archiv steht auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes für dokumentarische Werke. Es ist die Ehre des Zeeuws Archiv, es einem möglichst breiten Publikum zu präsentieren. Anneke: "Wir haben daher alle Dokumente gescannt und das Weblog des MCC-Schiffs De Eenigheid ins Englische übersetzt, einschließlich der verknüpften Themenseite."

 

 

Und sie tun noch viel mehr. Sie halten Gastvorlesungen, haben Wanderwege entlang der Spuren der Sklavereivergangenheit in der Stadt geschaffen, veranstalten Ausstellungen und so weiter. Anneke: "Derzeit ist die Ausstellung 'Augenzeugen des Sklavenhandels' bei uns zu sehen. Dabei liegt der Schwerpunkt darauf, was die Menschen damals selbst schrieben, aber es sind auch Memoiren aus Büchern zu hören. Vom deutschen Sklavenkapitän Nettelbeck und von dem versklavten Equiano."

 

"Besonders ist auch ein Zettel von Plantagenbesitzer Laurens Storm van 's Gravesande"

 

 

Besondere Anmerkung

"Besonders ist auch ein Zettel von Plantagenbesitzer Laurens Storm van 's Gravesande", erzählt sie weiter. "Er fand heraus, dass seine 'Küchenmagd' dieselbe Sprache wie ein alter Afrikaner spricht. Er lässt sie den Mann fragen 'warum alle so dünn waren, ob sie Hunger gelitten hatten, da etwa 60 auf der Reise gestorben waren.' Dies und vieles mehr kann in unseren neuen und überholten Vitrinen von SDB gesehen werden. Wie genau das funktioniert? Mein Kollege Maarten de Bie weiß alles darüber!"

 

 

Hinter jedem Objekt in einer Vitrine verbirgt sich eine besondere Geschichte. Das Prunkstück hat seinen Platz hinter Glas nicht umsonst erhalten. Diese historischen, spannenden und fesselnden Geschichten erzählen wir in der Rubrik "Vitrinengeschichte".

 

Haben Sie auch eine Vitrinengeschichte zum Teilen? Lassen Sie es Colinde van de Vliet unter [email protected] wissen.

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